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Ein Lebenszeichen

Auf Buchstabensalat war es in den letzten Wochen noch ruhiger als sonst, dabei hatte ich so viel vor! Ich wollte Rückblicke, Serientipps und diverse Rezensionen schreiben. Ein paar Kolumnenthemen brennen mir unter den Nägeln und auch ein Gewinnspiel für euch stand eigentlich zum Jahreswechsel an.

Tja, wie meine Familie mich in den letzten Wochen häufig erinnert hat:

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt!

Kurz vor Weihnachten, am Tag meines Umzugs, habe ich mir das Handgelenk gebrochen. Natürlich war es meine dominante Hand. Natürlich in der stressigsten Zeit des Jahres, als ich so viel vor hatte, sich so viel verändert hat. Natürlich mitten in einer Pandemie, in der ich eigentlich Menschen so gut es geht meide, was im Krankenhaus jetzt nicht wirklich möglich war. Und natürlich war es nicht nur verstaucht oder angeknackst, sondern dermaßen kaputt, dass direkt operiert werden musste.

Ich bin unfassbar froh und dankbar, dass meine Familie mir so sehr unter die Arme greifen konnte; dass mein Vater zu meinem Umzug da war und mich nach der OP mit zu meinen Eltern nehmen konnte (450 km entfernt), sodass ich die ersten Tage und Wochen in Ruhe lernen konnte, wirklich ALLES mit links zu tun, und Hilfe bei den Dingen hatte, die ich plötzlich nicht mehr alleine konnte. Nicht einmal ein Brötchen durchschneiden oder eine volle Tasse Tee heben war mit der rechten Hand möglich. Haare waschen, einen Zopf flechten oder die Haare sonst wie aus dem Gesicht bekommen? Dazu braucht man zwei funktionierende Hände. Dieser Unfall hat mir wirklich die Augen geöffnet, wie sehr ich mich bisher darauf verlassen habe.

Auch im Freundeskreis hatte ich enorm viel Hilfe und habe sie noch. Manche ganz alltäglichen Dinge erfordern mehr Kraft oder Flexibilität im Gelenk, als ich momentan habe – der Abwasch zum Beispiel. Ich bin so froh, dass ich Freund*innen um mich habe, die klaglos nach der Arbeit vorbeikommen und sich an mein Spülbecken stellen. Oder mit mir ein Regal zusammenbauen – wie gesagt, der Unfall war am Tag meines Umzugs, also habe ich eine Weile zwischen Kartons gelebt. Dankbarkeit ist das Wort, das für mich die letzten Wochen am besten zusammenfasst.

Frust und Dankbarkeit im Wechsel

Frustration ist allerdings auch ein Wort, das immer relevanter wird. Von meinem Frust im Bezug auf all die Menschen, die sich nicht zusammenreißen können und damit die Pandemie immer weiter vorantreiben, mal ganz abgesehen, ist es ziemlich ärgerlich, wie viele Dinge ich jetzt aufschieben muss(te). Okay, ein Hobby wie diesen Blog kann man auch mal ein paar Wochen lahmlegen, so sehr er mir auch fehlen mag. Aber nicht arbeiten zu können, die Hausaufgaben für die Uni verspätet oder überhaupt nicht erledigen zu können, weil das Tippen so schmerzhaft ist – das trainiert meine Geduld gerade ganz ordentlich. (Diesen Artikel habe ich im Lauf von 3 Tagen geschrieben. Normalerweise wäre es vielleicht eine Stunde gewesen, aber ich musste ständig unterbrechen.)

Ein Lebenszeichen: Abgebildet bin ich mit meinem Gips am Arm. Das Foto wurde nachts um drei aufgenommen, nachdem ich aus der Notaufnahme wieder zuhause war. Ich liege völlig erledigt auf dem Sofa.
© privat. Dieses Foto hat mein Vater nachts um drei gemacht, nachdem wir von der Notaufnahme wieder in meiner neuen Wohnung waren. Mein Bett war noch nicht aufgebaut, also habe ich auf dem Sofa geschlafen und er auf einer Gästematratze auf dem Fußboden. Wir waren völlig erledigt. Die OP war am nächsten Morgen.

Auch an der Uni kommen mir meine Dozentinnen sehr entgegen und machen mir überhaupt keinen Druck – Dankbarkeit, again – und doch mache ich mir diesen Druck selbst. Ich möchte nicht immer nach einer Extrawurst fragen, will die Dinge abhaken können, anstatt sie wochenlang mit mir herumzutragen. Ich möchte entspannt in die Prüfungsphase gehen und meine Hausarbeiten schreiben können, ohne mir Sorgen darum machen zu müssen, ob ich die Abgabefrist einhalten kann, weil ich immer wieder Pausen machen muss, um mein Handgelenk nicht überzustrapazieren.

Ich will meine Freund*innen nicht immer wieder fragen müssen, ob sie mir bei dieser oder jenen alltäglichen Kleinigkeit helfen könnten. Ich möchte die Zeit, die wir neben Uni und Arbeit füreinander haben, viel lieber wieder mit Serien oder Spaziergängen verbringen. Ich möchte wieder sorgloser durch den Alltag gehen können (soweit das in der Pandemie eben möglich ist), ohne überall eine Stolpergefahr oder ein anderes Risiko zu sehen. Ich möchte meine Schuhe wieder fester schnüren können, verflixt! (Bin ich froh, dass meine neuen Winterstiefel, kurz vor dem Unfall gekauft, Reißverschlüsse an den Seiten haben …)

Es sind inzwischen kleinste Kleinigkeiten, die zum Tageshighlight für mich mutieren: Die Saftflasche, deren Verschluss ich schmerzfrei aufbekommen habe. Die Türklinke, die ich ausnahmsweise einmal im richtigen Winkel gedrückt habe, sodass es nicht weh tat. Die Fingerfertigkeit, die es mir ENDLICH wieder erlaubt, einen Zopf zu flechten oder eine Klammer aufzudrücken, um meine Haare aus dem Gesicht zu bekommen. Die Tatsache, dass ich seit Wochen keine Schmerzmittel mehr nehmen musste, weil es immer erträglicher wird. Die Tatsache, dass ich trotz allem ohne eine Coronainfektion durch die letzten Monate gekommen bin.

Oder ein neues gutes Buch, ein Hörbuch, ein guter Film. Es gibt so viel, worüber ich bloggen möchte! Ein paar Rezensionsexemplare sind längst gelesen und warten darauf, dass ich mich ihnen widmen kann; der Serientipp zu The Witcher, der eigentlich pünktlich zur zweiten Staffel gepostet werden sollte, ist immer noch ein halbfertiger Entwurf. Ich habe auf der Seite Serien und Filme schon einige Tipps angekündigt, die ich über die Feiertage endlich schreiben wollte – Pustekuchen. Die werden noch etwas länger auf mich warten müssen. Ich wollte in der neuen Wohnung neue Buchfotos machen – das klappt nun auch erst mal nicht.

Ein Lebenszeichen

Es war und ist mir ein Bedürfnis, das alles mal aufzuschreiben und ein Lebenszeichen von mir zu geben. Damit ihr wisst, warum hier so lange rein gar nichts passiert ist. Damit ich mich bei Gelegenheit daran erinnern kann, dass ich in dieser miesen Zeit enorm viel Hilfe und Unterstützung erfahren habe; daran, wofür ich dankbar sein sollte; daran, dass ich es über diese Hürden geschafft habe und auch andere Hindernisse überwinden werde.

Ich werde es in den nächsten Wochen weiterhin ruhig angehen lassen, sonst schimpft mein Physiotherapeut mit mir. Priorität haben die Hausaufgaben und Hausarbeiten für die Uni, die Arbeit und meine Genesung. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Und wenn ich es dann endlich mal schaffe, dann widme ich mich wieder voller Tatendrang den Büchern, Filmen und Serien, die den Buchstabensalat ausmachen.

Bis dahin!
Eure Henrike

PS. Einen ersten klitzekleinen Blick in die Wohnung gibt es übrigens hier!

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