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A Song to Drown Rivers – was für ein Titel! In meinem Kopfkino liefen direkt die ersten Bilder einer möglichen Geschichte, als ich dieses Buch das erste Mal gesehen habe. Der Klappentext und das schöne Cover taten ihr Übriges um mich zum Lesen zu animieren. Ich erwartete eine spannende Spionagegeschichte in einem historischen chinesischen Setting, geheime Treffen zum Informationsaustausch, gefährliche Beinahe-Entdeckungen und viele strategische Entscheidungen.
Stattdessen bekam ich eine nach meinem Empfinden recht oberflächliche Erzählung darüber, wie eine junge Frau das Verführen lernt, um einen König zu manipulieren – aber die Spannung, die ich mir erhofft hatte, fehlte komplett.
Es gibt einige Grausamkeiten und auch sterbende Charaktere, es gibt Manipulation und Machtmissbrauch und Intrigen. Aber wer gut oder böse ist, wer wahre Gefühle Xishi gegenüber empfindet (oder für wen ihr eigenes Herz schlägt), wer Freund oder Feind oder Verbündeter ist – Ann Liang deutet vieles an und lässt noch mehr unausgesprochen:
Es wird angedeutet, dass die Wu – das Königreich, das Xishi infiltrieren soll – vielleicht gar nicht die Bösen sind. Dass sie vielleicht gar nicht weiter Krieg führen wollen. Dass Xishis König vielleicht das wahre Monster ist. Es wird angedeutet, dass Xishi echte Gefühle für den Mann entwickeln könnte, den sie hinters Licht führen soll, und dass diese Gefühle erwidert werden könnten. Es gibt so viele Eventualitäten, die nie wirklich zu Ende geführt werden, dass das Lesen insbesondere im letzten Drittel geradezu frustrierend für mich wurde.
Ja, Etikette und Gebräuche des Hofes gehören zu einem guten Spionageauftrag dazu. Vielleicht habe ich einfach unterschätzt, wie viel Raum Parfümieren, belanglose nächtliche Gespräche und „ach, ich vermisse Fanli ja so sehr“ einnehmen würden. Wie wenig Raum für die erhofften geheimen Treffen und unauffällige Erkundungsspaziergänge übrig bleiben würde. Wie sinnlos Xishis Aufgabe für große Teile von A Song to Drown Rivers erscheint, weil sie nur ganze zwei Mal überhaupt Informationen an ihre Verbündeten weitergibt.
A Song to Drown Rivers hat mich mit einem kurzen Nebensatz überrumpelt, der das Verstreichen von zwei Jahren erwähnt: Alles, was bis dahin passiert ist, hätte auch in drei Monate gepasst, so unspektakulär sind die meisten Szenen.
Der Schreibstil passt gut zur erzählten Geschichte. Um das klar auszudrücken: Was mich an A Song to Drown Rivers stört sind inhaltliche und keine sprachlichen Aspekte! Ann Liang erzählt auf sprachlicher Ebene sehr ruhig und teilweise geradezu dezent mit lyrischen Worten – was perfekt zu dem Bild passt, das Xishi abgeben soll -, bis in Momenten der Spannung und Action diese Struktur umgekrempelt wird und alles ganz plötzlich hektisch und abenteuerlich wird. Das ist sehr gut gelungen.
Es hat mich etwas überrascht, dass in einem Buch, dessen Hauptfigur als Konkubine eingesetzt wird, nicht eine explizite Sexszene enthalten ist. Bei all den unerfüllten Andeutungen, über die ich mich hier ärgere, verzichtet die Autorin auf alles, was über Küsse und das gemeinsame Schlafen in einem einzigen Bett hinausgeht. Selbst jetzt nach dem Lesen bin ich mir nicht sicher, ob Xishi als stark frequentierte Konkubine jemals Sex hatte. Das ist irgendwie bemerkenswert, besonders im Vergleich mit anderen aktuell beliebten Büchern des Genres.
Der Titel (wenn ich ihn auch nicht komplett verstehe) könnte durch einen Moment ganz kurz vor dem Ende von A Song to Drown Rivers erklärt werden.
Das Gesamtpaket ist schon irgendwie stimmig – und doch bin ich enttäuscht von A Song to Drown Rivers. Denn ich verstehe, wenn einige bestimmte Elemente für einen Spannungsbogen zunächst vage gehalten oder auch nie komplett aufgelöst werden. Doch wenn sich 75 % des Buches so anfühlen als hätte man sich eine Hintertür für überraschende Wendungen offenhalten wollen, aber diese nie genutzt werden, dann erzeugt das eher den Anschein von nicht zu Ende geführten Handlungssträngen. Ich habe wirklich gehofft, dass gegen Ende des Romans andere Entscheidungen getroffen würden.
Wegen all der Andeutungen habe ich Wendungen erwartet, die nie kamen, und so wurde die Vorhersehbarkeit der Ereignisse unvorhersehbar.
Ich meine damit: So, wie die Handlung verläuft, ist sie extrem vorhersehbar und wirkt auf mich oberflächlich und unfertig. Weil aber so viele andere Möglichkeiten im Raum stehen; weil so viele Andeutungen voller Potenzial für knifflige Verstrickungen und interessante Konflikte gemacht werden, die dann leider ins Leere laufen, verschob sich meine Erwartung in eine andere Richtung, was schließlich in Enttäuschung endete.
Ich glaube, wenn nur eine einzige Entscheidung von Xishi anders ausgefallen wäre – wenn sie sich für den anderen Mann entschieden hätte -, dann wäre die Handlung einen ganz anderen Weg gegangen, viele der Andeutungen hätten im Nachhinein Sinn ergeben und der Roman insgesamt hätte mir wahrscheinlich sehr viel besser gefallen.
Vielen Dank an NetGalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar!
Titel: A Song to Drown Rivers
Autor*in: Ann Liang
Übersetzung: Michelle Gyo
Reihe/Band: Stand Alone
Verlag: Knaur eBook
Gerne/Themen/Tropes/Altersempfehlung: Fantasy, chinesische Fantasy, Mythologie, Romantasy, Forced Proximity, Mutual Pining, ab 16
Preis: 5,99 (aktueller Aktionspreis)
ISBN: 978-3-426-29347-8
Erschienen: 01.10.2024
gelesenes Format: eBook, auch gebunden und als Hörbuch erhältlich
Umfang: 400 Seiten
Besonderheit: gebundene Ausgabe mit Farbschnitt






