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Rezension: Das Reich der Verdammten. A Tale of Pain and Hope. Das Reich der Vampire 2 | Jay Kristoff

7 Minuten Lesezeit

Genau wie in Band 1 ist die Welt von Gabriel de Leon und seinen Verbündeten von Gewalt, Schmerz und Verzweiflung geprägt. Es gibt ab und zu kleine, zarte Hoffnungsmomente, die uns nur wenige Kapitel später wieder schmerzlich entrissen werden. Der Untertitel A Tale of Pain and Hope passt also wie die Faust aufs Auge. Auch der Titel selbst, Das Reich der Verdammten, findet seine Berechtigung, denn Gabriel muss anscheinend immer wieder aufs Neue lernen, dass die Herrschaft eben nicht mehr bei den Menschen liegt, sondern dass die Verdammten und Vampire das Sagen und damit einen gewaltigen Machtvorteil haben.

Worum geht es in Das Reich der Verdammten?

Nachdem Gabriel de León den Orden der Silberwächter verlassen hat, begibt er sich zusammen mit seiner mysteriösen Verbündeten Liathe auf die Suche nach dem Ursprung der Vampirherrschaft: Er soll den Gral zu einem Weisen des uralten Volks der Esani bringen, um zu erfahren, wann der Fluch begann – und wie er sich beenden lässt.  

Doch verfolgt von den Kindern des Ewigen Königs und der Heiligen Inquisition, ist kein Schritt gefahrlos, denn Verrat lauert hinter jeder Ecke. Und dass Gabriel und seine Gefährten in einen Krieg hineingezogen werden, der seit Jahrhunderten in der Dunkelheit ausgefochten wird, verbessert ihre Erfolgsaussichten auch nicht gerade …

Quelle: Verlag

Diors Entwicklung hat mir gut gefallen. Sie wächst oft über sich selbst hinaus, übernimmt Verantwortung und hilft, wo sie nur kann. Gabriel wird mir dagegen immer unsympathischer, und ich bin fast überzeugt davon, dass der Autor genau das erreichen wollte. Phoebe mausert sich zu einer Favoritin und überraschend steigt auch die Person, die im Klappentext Liathe genannt wird, in meiner Achtung. Und sogar der Chronist, der diese ganze Geschichte in Form einer Rahmenerzählung niederschreibt und einhakt, wenn sein Interviewpartner zu sehr abschweift oder Details auslässt, wird in diesem zweiten Band der Trilogie zu einer interessanten Figur, dessen Rolle mich mehr und mehr interessiert.

Jay Kristoff ist gut darin, Sympathien zu Personen aufzubauen, die dann kurz darauf niedergemetzelt werden, oder Hoffnung zu erzeugen, damit der niederschmetternde Verlust nur noch furchtbarer erscheint. Verrat wird in dieser Geschichte spärlich, aber umso herzzerreißender eingesetzt. Vor diesem Autor und seinem handwerklichen Geschick muss man daher wirklich den Hut ziehen.

Aber wie auch schon im ersten Teil hat es meine Lesefreude enorm beeinträchtigt, wie lang Das Reich der Verdammten wurde (und das, obwohl ich eigentlich sehr gern sehr lange Bücher lese). Ich habe nicht nur das Buch gelesen, sondern zwischenzeitlich sogar das Hörbuch (mit erhöhter Geschwindigkeit) gehört, um möglichst viel Zeit auch unterwegs oder bei Tätigkeiten, die nur meine Hände, nicht aber meinen Kopf erforderten, mit dieser Geschichte zu verbringen und endlich in der Handlung voranzukommen.

Ich kann, ebenfalls wie in meiner Rezension zum ersten Band, trotzdem nicht einmal über Leerlauf klagen, der durch die schiere Länge von Das Reich der Verdammten entstanden wäre, denn es passiert ja immer etwas. Bis auf einige Szenen voller Begehren und Körperlichkeit, die man sich auch hätte sparen oder deren Anzahl man zumindest hätte reduzieren können, gab es nichts, was ich wirklich überflüssig fand.

Und trotzdem ist diese Geschichte viel zu oft zäh und langsam, weshalb ich selten mehr als nur ein paar Kapitel am Stück lesen konnte, ohne die Lust zu verlieren.

Ich habe rückblickend vor dem Schreiben dieses Beitrags versucht aufzuzählen, welche wichtigen Etappen Gabriel, Dior und ihre wechselnden Gefährten in diesem Band geschafft haben – und es fiel mir schwer, mich an alle zu erinnern, so sehr gingen sie unter in dem immer gleichen Gemetzel, in Schlachten, vulgären Ausschweifungen und alkoholisierten Gewaltfantasien des arroganten Erzählers. Ja, das entspricht dem Charakter des Antihelden, unserer Hauptfigur. Ja, es gehört auch generell irgendwie zu Kristoffs Büchern. Aber es hat mich noch nie so sehr genervt wie hier.

Die Szenen, die mir am besten gefallen haben, die mir am lebendigsten in Erinnerungen geblieben sind, waren diejenigen, in denen die Handlung überraschte, zum Beispiel durch die Offenbarung eines furchtbaren Verrats oder die Erkenntnis, einen grauenhaften Fehler begangen zu haben. Viel häufiger kam diese angenehme Überraschung aber durch kurzweilige Unterbrechungen des altbekannten Musters: Momente des Vertrauens, das Entdecken fremder Kulturen, die Erkenntnis von unerwarteten Verbündeten, das Aufdecken eines neuen Geheimnisses.

Natürlich gibt es auch hier wieder einen fiesen Cliffhanger, weshalb ich neugierig bin, was nun wirklich die Wahrheit ist, wer auf wessen Seite steht, welche Geheimnisse und Intrigen noch unaufgedeckt geblieben sind. Aber ich fürchte, mit dieser Fortsetzung hat Kristoff meinen persönlichen Geduldsfaden etwas überspannt. Vielleicht wird es mir reichen, eine Zusammenfassung von Band 3 oder die Rezensionen anderer Lesenden zu verfolgen, um mit dieser Trilogie abzuschließen. Ob ich zum Erscheinen des finalen Bandes noch einmal 1000 Seiten voller Gewalt und Düsternis lesen möchte, nur um mich an immer weniger Lichtblick-Momenten entlang zum Ende zu hangeln, bezweifle ich.

Vielen Dank an NetGalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Titel: Das Reich der Verdammten. A Tale of Pain and Hope
Autor*in: Jay Kristoff
Übersetzung: Kirsten Borchardt
Reihe/Band: Das Reich der Vampire Band 2
Verlag: Fischer eBook
Gerne/Themen/Tropes/Altersempfehlung: Fantasy, Vampire, Religion, Gewalt, Morally Grey Characters, ab 16

Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-10-491254-7
Erschienen: 01.05.2024
gelesenes Format: eBook, auch gebunden und als Hörbuch erhältlich
Umfang: 1008 Seiten
Besonderheit: 38 große Illustrationen von Bon Orthwick

Ich möchte jetzt bitte weiterlesen… Für mich wieder einmal ein Highlight und besonders hervorzuheben sind der absolut einzigartige Schreibstil des Autors und die lebendigen Charaktere, die authentisch und dynamisch agieren. Die Atmosphäre und der Erzählstil schaffen eine perfekte Geschichte, die ohne Längen auskommt und ich habe es wieder sehr geliebt, in diese düstere Welt abzutauchen.

Wer nach einer blutigen, komplexen und genialen Vampirgeschichte sucht, in der nichts romantisiert wird, der sollte hier definitiv einen Blick riskieren. Ich kann diese Reihe bisher sehr empfehlen, auch wenn sie mir hier etwas zu vulgär war. Dennoch freue ich mich sehr auf die Fortsetzung und bin froh, dass ich diese Reihe für mich entdeckt habe.

Ich hatte immer gute Bilder vor dem geistigen Auge, als ich die Szenen des Buchs las. Dazu muss man sagen, dass man den doch sehr ungezügelten Schreibstil von Jay Kristoff akzeptieren oder gar mögen muss. Das Reich der Verdammten ist definitiv ein Buch, was unterhaltsam ist, wenn man das erste Buch mochte, aber nicht die Sache verbessert, wenn man das erste Buch nicht mochte.

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Abbildung des Covers von Das Reich der Verdammten von Jay Kristoff vor einem Hintergrund. Dieser zeigt komplett verkohltes Holz in extremer Nahaufnahme. Rechts davor befindet sich das Cover, dass sich durch die rote Farbe hinter der schwarz-weißen Zeichnung schön vom schwarzen Kohle-Hintergrund abhebt.

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