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Fühl dich wohl in deinem Zuhause wartet seit 6 (!) Jahren auf mich. Ich hatte es über NetGalley bezogen und schnell gemerkt, dass ich schlicht eine falsche Vorstellung davon hatte, wie dieser Ratgeber aufgebaut sein würde. Deshalb gab ich dem Verlag die Rückmeldung, dass ich dieses Buch nicht rezensieren würde – auch, weil ich es einfach nicht zu Ende lesen wollte, wo mir doch der Anfang nicht gefiel.
Trotzdem blieb es immer in meinem Hinterkopf, und nun habe ich diesen Einrichtungsratgeber endlich beendet. Besser spät als nie, wie es so schön heißt … Ich wollte jetzt endlich wissen, ob das Buch wirklich so schlecht ist, wie ich den Anfang in Erinnerung hatte, oder ob ich es einfach im falschen Moment erwischt habe. Und der Verlag bekommt endlich seine Rezension.
Frida Ramstedt erklärt in Fühl dich wohl in deinem Zuhause ausführlich die Grundlagen verschiedener Konzepte: Farben, Formen, Licht und Größenverhältnisse sind nur einige Beispiele. Dazu gibt es stellenweise sehr hilfreiche Abbildungen in Form von Skizzen und einfachen Illustrationen und zusätzlich an passenden Punkten persönliche Tipps oder Begriffserklärungen. Was mir aber damals beim ersten An-Lesen und auch heute beim weiteren Lesen wieder als negativ auffiel, sind die fehlenden Fotos.
Klar, es geht um Grundlagenkenntnisse. Ja, viele Dinge kommen allein mit der Beschreibung aus und brauchen nicht unbedingt eine Bebilderung. Ja, die Autorin sagt in der Einleitung, dass sie Fühl dich wohl in deinem Zuhause geschrieben hat, weil sie selbst beim Recherchieren immer nur Bücher mit Fotos gefunden hat, aber ohne den Text, den sie hiermit nun bietet. Ich verstehe den Gedanken, dass sie einen ganz eigenen Ansatz verfolgt.
Dennoch erwarte ich beim Thema Einrichtung Beispielfotos, die auf verschiedene Weise das umsetzen, was mir als Regel erklärt wird. Das müssen keine Hochglanz-Magazinfotos von Luxuswohnungen sein – einfache Beispiele aus Möbelhäusern oder aus der Berufslaufbahn der Autorin hätten es auch getan. Einfach gar keine Fotos abzubilden – kein einziges! – ist meiner Meinung nach eine schlechte Entscheidung gewesen.
Denn es ist zwar nett, die Anordnung von Farben im Farbkreis mit einer Schwarz-Weiß-Skizze darzustellen, aber warum nicht einfach die entsprechenden Farben nehmen (besonders im eBook, bei dem die Druckkosten keine Rolle spielen), wenn doch sogar die Tipps und Überschriften farbig abgesetzt sind? Wenn es darum geht, Farbakzente oder besondere Texturen in verschiedenen Räumen zu wiederholen um ein stimmiges Gesamtbild zu erzielen, warum nicht einfach Fotos von Beispielwohnungen zeigen? Oder wenn es um positive vs. negative Effekte von Beleuchtung geht, ist es doch gerade für Anfänger*innen einfacher zu verstehen, wenn diese Effekte visuell dargestellt werden.
Ich weiß, wie sich warmweißes von kaltweißem Licht unterscheidet, aber die Zahlen und Werte, die hier aufgelistet werden, helfen wenig. Das sind Informationen, die beim Einkaufen und Aussuchen spezifischer Objekte hilfreich sind. Nicht beim Vorstellen und Planen, beim Konzipieren des von der Autorin vorgeschlagenen Moodboards. Dafür brauche ich Bilder – in Farbe.
Glücklicherweise darf ich von mir behaupten, bereits vorab ein gewisses Grundverständnis der Elemente zu besitzen, die in Fühl dich wohl in deinem Zuhause dargestellt werden. Kunstunterricht und ein gut trainiertes Bauchgefühl sorgen dafür, dass mir viele der hier beschriebenen Methoden und Prinzipien schon bekannt waren. Die Details kannte ich vielleicht im Zusammenhang mit Einrichtung noch nicht so gut, aber es war einfach nicht viel Neues dabei, sodass ich an keinem Punkt das Gefühl hatte, wirklich etwas dazuzulernen. Ich habe mehr exklusives Expertenwissen und eben bildlich dargestellte Beispiele erwartet, die als Inspiration dienen können und das veranschaulichen, was die Autorin so ausführlich zu erklären versucht.
Beispielsweise hätte ich Vorher-Nachher-Fotos interessant gefunden: A zeigt, wie es nicht funktioniert und B zeigt, wie es mit den im Text beschriebenen Tipps verbessert wurde. Das hätte für mich auch einen viel größeren Anreiz geboten, in meiner eigenen Wohnung nach Verbesserungsmöglichkeiten zu schauen. So ist es einfach viel Text über die Grundlagen des Kunstunterrichts, dem der Praxisbezug irgendwie fehlt.
Für absolute Laien, die sich noch nie genauer Gedanken darüber gemacht haben, warum bestimmte Einrichtung und Dekoration funktioniert und was dafür sorgt, dass anderes nicht so harmonisch wirkt, kann Fühl dich wohl in deinem Zuhause trotz all meiner Kritik ein hervorragendes Grundlagenwerk sein. Wo ich keine Erklärung brauchte, warum Tapeten mit großen Mustern Räume kleiner wirken lassen, warum man Gegenstände in kleinen Grüppchen arrangiert anstatt sie einzeln aufzustellen, oder dass das Austauschen von Griffen an Küchenschränken eine einfache, mieterfreundliche Möglichkeit zur Verschönerung der Küche sein kann, können andere vielleicht viel lernen.
Anders herum fand ich die Erklärungen über Sichtlinien zwischen mehreren Räumen spannend oder die genaueren Erläuterungen, welche Art von Blume welche Vase benötigt. Diese Dinge habe ich zwar schon ab und zu bemerkt, aber bisher fehlten mir die richtigen Vokabeln dazu.
Wo Frida Ramstedt richtig ins Detail geht, ist die Dekoration. Mich persönlich interessiert es wenig, auf wie viele verschiedene Arten man Deko-Kissen auf dem Sofa oder dem Bett anordnen kann – und wie diese Varianten genannt werden – oder welche Sortiermöglichkeiten es für Bücher im Bücherregal gibt: alphabetisch, nach Größe, nach Farbe, … Diese Details haben nach meinem Empfinden sehr viel Raum eingenommen.
Und doch kann ich das nicht wirklich kritisieren, denn, wie die Autorin wohl sehr richtig sagt, ist das der letzte Schliff, der dem gesamten Raum das gewisse Etwas gibt. Es gibt viele Möglichkeiten, diesen Effekt zu erzielen, und sie nennt viele davon. Welche Option die richtige für jede Person individuell ist, muss ebenso individuell entschieden werden – und dafür muss man die Optionen erst einmal kennen.
Dass sie derart kleinteilig und ausführlich Details beschreibt, finde ich also gar nicht unbedingt schlecht. Ich hätte mir nur, ich kann es nicht oft genug sagen, Fotos gewünscht, die die beschriebenen Effekte belegen und veranschaulichen.
Wenn ich zur Bewertung dieses Buches also ausschließlich von meinem eigenen Standpunkt ausgehe, dann bietet Fühl dich wohl in deinem Zuhause einige Tipps, die durchaus zum Nachdenken anregen und hilfreiche Begriffstabellen und -definitionen, obwohl ich mir noch tieferes Fachwissen erhofft hatte und über den Mangel an fotografischen Belegen für die vielen beschriebenen Grundlagen und Strategien enttäuscht bin.
Wenn ich es aber so betrachte, dass dieser Ratgeber schlicht für Menschen geschrieben wurde, die keinen Kunstunterricht hatten, denen mein (Laien-) Vorwissen fehlt und für die Fühl dich wohl in deinem Zuhause der erste Kontakt mit dem Thema Einrichtung und Innenraumdesign ist, dann ist es ein gutes Buch, das trotzdem mehr (oder überhaupt) Farbabbildungen und Fotos vertragen könnte.
Vielen Dank für das Rezensionsexemplar an NetGalley und den Verlag!
Titel: Fühl dich wohl in deinem Zuhause
Autor*in: Frida Ramstedt
Übersetzung: Wibke Kuhn
Reihe/Band: –
Verlag/Plattform: Ullstein eBooks
Gerne/Themen/Tropes/Altersempfehlung: Sachbuch, Ratgeber, Einrichtung, Interior Design
Preis: 11,99 € (Hier geht’s zu Genialokal.)
ISBN: 9783843722674
Erschienen: 28.02.2020
gelesenes Format: eBook, auch als Taschenbuch erhältlich
Umfang: 288 Seiten


