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Es gibt so viele Bücher, die jungen Frauen und Mädchen erklären, wie sie sich an das Patriarchat anpassen können, und gleichzeitig verdeutlichen, dass sie das eigentlich nicht müssten – aber Bücher, die jungen Männern und Jungs erklären, wie sie verhindern können, selbst zur Gefahr für Mädchen und Frauen zu werden, sehe ich viel zu selten. Besonders solche, die die Welt nicht einfach schwarz-weiß malen. Deshalb war es gar keine Frage, OB ich Junge sein … lesen würde, sondern WANN. Ich habe einen zwölfjährigen Neffen, dem ich gern dabei helfen möchte, ein respektvoller und toleranter junger Mann zu werden, und hatte vor dem Lesen die Hoffnung, mit diesem Buch einen neuen Anknüpfungspunkt für Gespräche zu schaffen.
Comics
Kurz gesagt wurden meine Erwartungen allesamt getroffen. Vom Zeichenstil bin ich persönlich kein großer Fan, aber das ist für mich kein Hindernis, um das Buch als solches gut zu finden. Die Grundidee, komplexe Themen wie Trauer, toxische Männlichkeit, Feminismus, Patriarchat, Privilegien, Sexualität, Gewalt, Sucht nach Pornografie und noch viel mehr in kurzen Comics darzustellen, die den Alltag der jungen Lesenden abbilden und diese Geschichten dann mit Sachkapiteln zu vervollständigen – das gefällt mir richtig gut an Junge sein ….
Positiv aufgefallen ist mir auch, dass diese Geschichten von denselben Charakteren handeln: Zwar ändern sich die Hauptfiguren und damit die jeweilige Erzählperspektive, aber die Gruppe, die Schulklasse bleibt gleich. Neben all den individuellen Problemen und Gedanken wird damit auch in den Fokus gerückt, dass man eben nicht weiß, was beim Gegenüber gerade so los ist und man entsprechend respektvoll miteinander umgehen sollte – und dass eine Person tausend Dinge auf einmal beschäftigen können.
Sachkapitel
Während viel Gewalt thematisiert wird – körperliche, aber vor allem auch Mobbing – war mir das Sachkapitel, das auf den Comic mit einem trans* Jungen als Hauptperson folgte, etwas zu kurz bzw. oberflächlich in Bezug auf dieses Thema. Darin geht es um Feminismus, Frauenbewegungen, positive Männlichkeit und geschlechtsspezifische Gewalt, aber trans*-Sein kam nur als Randnotiz vor. Das finde ich sehr schade, weil gerade trans* Personen aktuell eine so vulnerable Gruppe darstellen und Junge sein … eine Chance verpasst, die jüngeren Generationen darüber aufzuklären, was der Begriff „trans*“ eigentlich bedeutet und warum trans* Personen solcher Hetze ausgesetzt werden. Der Comic selbst zeigt übrigens das Mobbing, mit dem die Hauptfigur täglich konfrontiert wird.
Die Sachkapitel finde ich davon abgesehen inhaltlich überwiegend großartig – genau wie die Tatsache, dass die Zahlen, die darin genannt werden, am Ende des Buches mit Quellenangaben verknüpft werden. Es wird auf sexuellen Konsens eingegangen und auf Vergewaltigung („Nein heißt Nein, und kein Ja heißt auch Nein.“), auf die Verharmlosung (männlicher) Gewalt (wobei konkrete Adressen für Hilfesuchende genannt werden), darauf, dass Pornos unrealistische Erwartungen erzeugen und darauf, dass natürlich auch Männer weinen dürfen, es sogar sollten, und dass Gefühle nicht durch Gewalt ausgedrückt werden dürfen.
Die Illustrationen lockern diese Kapitel gut auf, sodass sie trotz der großen Informationsflut nicht überwältigend sind. Auch die farbige Codierung der Kapitel, passend zum jeweils zugehörigen Comic, gefällt mir gut. Junge sein … vermittelt sehr viel sehr wichtiges Wissen und beweist dabei überwiegend großes Fingerspitzengefühl.
Sprache und Zielgruppe
Worüber ich beim Lesen aber konstant gegrübelt habe, ist die Zielgruppe von Jungs sein …. Laut VLB-Tix und den gängigen Onlineshops richtet sich das Buch an Dreizehnjährige. Auf der Verlagsseite finde ich keine Informationen darüber1 – vielleicht hat man sich bewusst dagegen entschieden. Ich selbst stehe dieser Einordnung nämlich etwas zwiegespalten gegenüber, denn: Einerseits finde ich 13 Jahre ziemlich spät, um Jungs zu erklären, dass sie andere nicht mobben oder schlagen sollen, dass sie weinen dürfen und das sie ein Nein unbedingt zu akzeptieren haben. Gleichzeitig verwendet Junge sein … so viele Fachbegriffe oder „erwachsene“ Formulierungen, dass wahrscheinlich selbst Sechzehnjährige an einigen Stellen erst einmal recherchieren müssen. Es wird zwar viel erklärt, aber trotzdem ist das Level der Sprache ziemlich hoch.
Ein Beispiel aus dem Kapitel zum sexuellen Konsens (S. 130): „Bedränge die andere Person niemals! Wenn die Person gerade viel zu tun hat, mit Freund*innen oder mit ihrer Arbeit beschäftigt ist, ist es womöglich nicht der beste Zeitpunkt, ihr deine Gefühle zu gestehen. Du musst ihre Privatsphäre respektieren. Wenn die Person dir zugehört hat, aber kein Interesse an dir hat, ist das zwar enttäuschend, aber ihre Entscheidung. Es ist sehr wichtig, das zu akzeptieren und sie nicht weiter zu bedrängen. In diesem Zusammenhang müssen wir unbedingt über Konsens (auch: Einvernehmen) sprechen.“
Was ist „Privatsphäre“? Was ist „Konsens“ oder „Einvernehmen“? Und, vielleicht am wichtigsten an dieser Stelle: Wie wird „bedrängen“ definiert? Mir ist das klar. Ich bin alt genug, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wenn ich mir aber vorstelle, dass eine Person, die wahrscheinlich in die siebte oder achte Klasse geht, mit diesem Buch gerade erst richtig lernt, ein Nein als solches zu akzeptieren (was ich, wie gesagt, sehr spät finde), dann fehlt es hier an weiteren Erklärungen.
Zum Beispiel, dass ein Nein zu akzeptieren auch bedeutet, bei einer Ablehnung nicht beleidigend zu werden und vielleicht heißt, dass man von der anderen Person weggehen sollte. Oder was genau in die Privatsphäre fällt. Was genau Einvernehmen heißt und wie es ausgedrückt werden kann – nicht nur, was NICHT Konsens ist. Ich sehe so oft Männer, die nicht merken, dass sie gerade jemanden belästigen, weil sie ein vollkommen anderes Verständnis von „bedrängen“ haben als ihr Gegenüber. Wie sollen Jungs denn lernen, wo die Grenzen verlaufen, wenn selbst aufklärende Bücher wie dieses, die ansonsten so viel richtig machen, diese nicht erklären und benennen?
Erst vor wenigen Tagen habe ich ein Video gesehen (ähnlich wie dieses, ich kann das andere leider nicht mehr finden), in dem eine Mutter mit ihrem weiblichen Kleinkind spielerisch den Unterschied zwischen „good touch“ und „bad touch“ übt, damit dieses im Fall der Fälle ein Problem erkennt, sich wehren und es vor allem als solches benennen kann. Eine extrem frühe Form von Unterricht in body autonomy und Selbstverteidigung.
Wenn Mädchen in einem Alter, in dem sie kaum ganz Sätze formulieren können, verstehen können, was eine freundliche Berührung ist und was „bedrängen“ (auch, wenn sie den Kontext noch nicht kennen), dann darf man Jungs mit 13 Jahren auch zutrauen, diese Unterschiede zu lernen, ohne verwaschene allgemeine Formulierungen zu verwenden oder sich komplett auf anschließende Gespräche mit Erwachsenen zu verlassen. So werden Vergewaltigungen zwar in mehreren Sachkapiteln erwähnt, aber ausgerechnet auf der Seite über sexuellen Konsens nicht explizit als zu vermeidende Grenzüberschreitung benannt. Stattdessen ist dort von „überreden“ und „beharren“ die Rede.
Möglicherweise schaue ich bei Formulierungen und Wortwahl etwas präziser hin als andere, weil ich eine Sprachwissenschaft studiert habe und weiß, welche Möglichkeiten es gibt. Meiner Meinung nach hätte man manches schlicht etwas ausführlicher erklären können, um Missverständnisse zu vermeiden oder etwas besser zur Zielgruppe passend formulieren können. Es ist für mich nicht möglich zu beurteilen, ob diese Schwierigkeit durch die Übersetzung aus dem Französischen entstanden ist oder ob es im Original genauso ist. Wie auch immer: Ein paar Seiten mehr Platz für vollständigere Erklärungen hätten Junge sein … vielleicht gut getan, und ob das Buch nun 178 Seiten oder 199 Seiten hat, das macht kaum einen Unterschied.
Anschlusskommunikation
Aus diesen Gründen kommt Junge sein … wie alle anderen Aufklärungsbücher, die ich bisher kennengelernt habe, nicht ohne Anschlusskommunikation aus. Das bedeutet, dass die Jugendlichen nach dem Lesen des Buches neue Fragen haben werden, die beantwortet werden sollten – und das im Idealfall nicht von selbsternannten Alpha-Männern im Internet, sondern von Personen aus ihrem persönlichen Umfeld. Viele der hier angesprochenen Themen sind gewaltvoll und auch, wenn das Buch Selbstzweifel und Sorgen mindern möchte, so bietet Junge sein … einfach nicht genug Raum, um das wirklich umfassend zu tun. Es wird vieles angestoßen und die Gedanken werden in Richtung eines gesunden Selbstbildes gelenkt. Ohne weiterführende Gespräche wird der gewünschte Lerneffekt aber meiner Meinung nach kaum im vollen Umfang zu erreichen sein.
Fazit
Junge sein … ist extrem aktuell, beinhaltet viel Fingerspitzengefühl bei Themen wie Emotionalität und Selbstbewusstsein und spricht viele weitere wichtige Dinge an. Meiner Meinung nach hätte man noch sorgfältiger erklären und stellenweise weniger komplizierte Vokabeln verwenden können (oder die Fachbegriffe etwas besser erklären). Die Comics als Einleitung in ein neues Sachkapitel haben super funktioniert, auch wenn mir persönlich der Zeichenstil nicht so gut gefällt. Da Junge sein … Teil einer Reihe von Büchern ist, die sich mit verschiedenen Problemen von Kindern beschäftigt (zum Beispiel Fluchterfahrungen oder Körperlichkeit von Mädchen), werde ich mir diesen Verlag bzw. diese Reihe mal genauer anschauen.
Ich hatte ja eingangs meinen Neffen erwähnt und dass ich gehofft hatte, mit Junge sein … ein Buch gefunden zu haben, das ihm die richtige Richtung weisen kann, wenn er mit mir oder anderen Erwachsenen nach dem Lesen darüber spricht und seine Fragen stellen kann. Ich glaube, das ist tatsächlich der Fall, und freue mich auf den Erscheinungstermin im September.
Vielen Dank an NetGalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar!
Titel: Junge sein …
Autor*in: Karim Ouaffi
Illustrationen: Mikankey
Übersetzung: Tünde Malomvölgyi
Reihe/Band: –
Verlag: Orlanda Verlag
Gerne/Themen/Tropes/Altersempfehlung: Sachbuch, Aufklärung, Selbstfindung, ab 12 laut Verlag
Preis: 23,00 € (Hier geht’s zu Genialokal.)
ISBN: 9783949545849
Erschienen: 17.09.2025
gelesenes Format: digitales Rezensionsexemplar, gebunden erhältlich
Umfang: 178 Seiten
Besonderheit: Comic-Kapitel wechseln sich mit Sachinformationen ab

- Update Ende August: Diese Rezension habe ich Mitte Juli geschrieben. Inzwischen hat der Verlag seine Informationen auf der Website aktualisiert und eine Empfehlung ab 11 Jahren für begleitetes Lesen und ab 13 Jahren für die Lektüre allein angegeben. ↩︎

