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Rezension: Wir für uns | Barbara Kunrath

Wir für uns tanzt bei den Büchern, die ich meistens lese, etwas aus der Reihe. Denn die Protagonistinnen sind sehr viel älter als ich: eine ist über vierzig, die andere längst im Rentenalter. Ich fand den Klappentext, der Selbstfindung und Selbstbestimmung versprach, aber spannend genug, um dennoch nach dem eBook zu greifen.

Für ein Leben, das genau jetzt ganz neu beginnt.

Josie ist schwanger. Von Bengt, der schon eine Familie hat und kein Kind mehr möchte. Aber was möchte Josie? Sie ist Anfang Vierzig, und ihre Wünsche hat sie immer auf »später« aufgeschoben. Kathi ist plötzlich allein. Ihr Mann Werner ist gestorben, nach fünfzig Jahren gemeinsamen Lebens. Ihr einziger Sohn ist ihr fremd geworden. Auch Kathi hat so vieles auf »später« verschoben. Als Josie durch einen Zufall in Kathis Küche landet, sind beide verwundert. Sie fühlen sich in Gegenwart der anderen so unbelastet. Ernst genommen. Die beiden Frauen spüren, dass das Leben ihnen genau jetzt ganz unerwartet die Tür öffnet.

Manchmal schickt uns das Schicksal einen Menschen, den wir gar nicht gesucht haben. Und plötzlich steht unser Leben wieder auf »Los«.

Klappentext. Quelle

Auch nach der Lektüre gefällt mir die Idee, die hinter Wir für uns steckt und die hier im Klappentext beschrieben wird. Die Umsetzung bereitet mir aber Bauchschmerzen, denn leider wird mit verletzender Sprache gearbeitet und zwei elementare Aspekte der Handlung werden in dieser Beschreibung nicht einmal genannt. Da ich in meiner Rezension darauf eingehe, beachtet bitte die Triggerwarnung an dieser Stelle.

Protagonistinnen und dörfliches Leben

Mir gefällt die Idee der Autorin, in Wir für uns zwei Frauen vor neue Herausforderungen zu stellen – und zwar vor dem Hintergrund, dass diese Frauen nicht mehr Anfang zwanzig sind. Josie hat mit Anfang Vierzig seit neun Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann und ist unerwartet schwanger. Was nun? Kathi muss damit fertig werden, ihr Leben von jetzt auf gleich ohne ihren Mann zu verbringen und erinnert sich an einen alten Wunsch, der aber nicht so einfach umzusetzen ist. Beide sind auf unterschiedliche Art an gesellschaftliche und familiäre Erwartungen geknüpft und müssen mit der Entwicklung von Plan B erst lernen, den eigenen Wert zu erkennen und für sich selbst einzustehen. Dieser Aspekt hat mir sehr gefallen.

Die Beschreibung des dörflichen Lebens ist sehr realitätsgetreu. Kunrath schafft es, das Gefühl von jeder-kennt-jeden sehr treffend zu beschreiben. Leider kommen dabei auch Vorurteile und die Ablehnung alles Neuen und Individuellen nicht zu kurz. Wenn ich mich an meine Kindheit auf dem Dorf zurückerinnere und mal überlege, welche Haltung viele der (meist, aber nicht ausschließlich, älteren) Ortsansässigen selbst heute noch vertreten – puh. Die Darstellung ist also realistisch, aber teilweise ziemlich schwere Kost. Denn es ist eine Gratwanderung zwischen guter Beschreibung der Realität und Verletzen durch Sprache. Hier hätte es zumindest mehr Reflexion der verletzenden Sprache geben müssen, und zwar nicht nur durch eine selten auftretende Nebenfigur.

Das e-Book "Wir für uns" von Barbara Kunrath. Man sieht das Cover des Buches (es ist grün mit weißer Schrift, die gelb hinterlegt ist und trägt Blumen- und Vogelmotive) vor einem bunten Hintergrund. Dieser ist weiß, blau, grün und beige, die Formen sind nicht genauer erkennbar.

Verletzende Sprache und ungenügendes Lektorat

Denn die Wortwahl in Wir für uns ist mir sehr, sehr negativ aufgefallen. Im Allgemeinen schreibt die Autorin ganz normal, wie man im Alltag eben spricht. Aber wenn es um die Homosexualität eines Mannes geht oder um Immigrant*innen, an einer Stelle auch um die schwarze Hautfarbe einer Person, dann verwendet Kunrath leider ein mindestens problematisches, wenn nicht sogar abwertendes Vokabular aus der untersten Schublade.

Mein Erklärungsversuch (der keineswegs als Entschuldigung gelten kann und soll, es geht mir nur um eine Hypothese, wie es dazu kam): Die Autorin ist 1960 geboren und wie jeder andere Mensch auch ein Kind ihrer Zeit. Sie ist mit einer anderen Wortwahl aufgewachsen als es heute üblich ist. Und zusätzlich hat das Buch vielleicht kein ausführliches Lektorat bekommen. Das ist, wie gesagt, nur eine Vermutung und wird bitte auch als solche verstanden!

Woran ich diese Vermutung festmache: nicht nur inhaltlich gibt es Dinge, die im Lektorat hätten geändert oder entfernt werden können/müssen, sondern auch formal. So hat das eBook, das mir via NetGalley vom Verlag zur Verfügung gestellt wurde, einen falschen Titel. Das Cover ist das gleiche, aber der Titel im Inneren des Buches, der auch oben auf jeder Seite in der Kindle-App angezeigt wird, ist falsch: dort steht Wir werden bleiben anstelle von Wir für uns. Wahrscheinlich wurde der Titel im Lauf des Entstehungsprozesses gewechselt, aber in einem Buch, das als fertiges Produkt an Leser*innen geht, sollten solche Fehler nicht mehr vorkommen. Besonders, wenn es auf jeder einzelnen Seite falsch dasteht.

Aber kommen wir zurück zur Sprache. Man könnte jetzt argumentieren, dass die Figur, aus deren Perspektive diese problematische Wortwahl überwiegend stammt, über sechzig und deshalb mit anderen Gebräuchlichkeiten aufgewachsen ist. Genau wie ich es oben mit der Autorin gemacht habe. Nur verwendet auch die zweite Protagonistin verletzende Worte. Und selbst wenn es eine wirkliche Begründung gäbe, warum Figur X auf diese Weise reden und denken müsste: eine Triggerwarnung im Buch fehlt trotzdem.

An dieser Stelle möchte ich nicht mehr um den heißen Brei herumreden und ganz klar zeigen, welche Begriffe mich stören. Für diesen Zweck schreibe ich die Worte ausnahmsweise aus. Dazu möchte ich aber auch betonen, dass ich nicht persönlich betroffen bin und nur nach meinem Bauchgefühl und jeweils einer kurzen Begriffsrecherche gehe. Das bedeutet, dass auch Autorin und Lektorat nicht mehr als 2 Minuten pro Begriff/Szene gebraucht hätten, um zu wissen, dass es so nicht geht.

Rot markierte Zitate aus dem Buch "Wir für uns" von Barbara Kunrath. Sie sind auf einem Screenshot abgebildet. Zu lesen sind Begriffe und Formulierungen, die ich als verletzend und/oder rassistisch erachte. Ich habe alle Begriffe recherchiert, bevor ich meine Rezension geschrieben habe, um sicher zu gehen, dass ich keine falsche Einschätzung abgebe. Im weiteren Verlauf gehe ich genauer auf die Zitate ein, sodass ich in diesem Alternativen Text keine komplette Abschrift machen muss.
Screenshot von markierten Stellen in Wir für uns von Barbara Kunrath, die mir negativ aufgefallen sind.

Diese Stellen sind mir besonders negativ aufgefallen, aus verschiedenen Gründen: sachlich falscher Inhalt, rassistische Sprache, homofeindliche Sprache. Das alles sind für mich Dinge, die schlicht nicht hätten sein müssen. Man hätte Ablehnung und Vorurteile auch ausdrücken können, ohne diese Worte zu verwenden. Stattdessen haben sowohl die Autorin als auch das Lektorat entweder nicht genau genug hingeschaut, keine Lust auf/Zeit für Korrektur und die damit einhergehende Recherche gehabt oder aber sie wussten es nicht besser. Und ich weiß wirklich nicht, welche Variante ich am schlimmsten finde.

Das e-Book "Wir für uns" von Barbara Kunrath. Man sieht das Cover des Buches (es ist grün mit weißer Schrift, die gelb hinterlegt ist und trägt Blumen- und Vogelmotive) vor einem bunten Hintergrund. Dieser ist weiß, blau, grün und beige, die Formen sind nicht genauer erkennbar.

Fehlt im Klappentext komplett: Umgang mit Trisomie 21 und Homosexualität als wesentliches Handlungselement

Der Umgang mit Trisomie 21 und Homosexualität sind sehr wichtig in Wir für uns, weil sie beide Protagonistinnen grundlegend beeinflussen. Und doch werden sie einfach Null Komma gar nicht im Klappentext erwähnt. Oder in der Beschreibung des Verlags auf Online-Plattformen. Nirgendwo. Man muss das Buch erst lesen, um zu merken, dass das handlungstreibende Aspekte sind, dass sie überhaupt vorkommen.

Abgesehen von dem Zitat oben geht die Autorin meiner Meinung nach ganz gut mit dem Thema Trisomie 21 um. Sie hat eine Nebenfigur geschrieben, die die restlichen Charaktere aufklärt, was Vorurteilen schnell den Wind aus den sprichwörtlichen Segeln nimmt. Jedenfalls bei Charakteren, die erstmals mit dem Thema konfrontiert werden. Figuren, die Vorurteile schon verinnerlicht haben, korrigieren diese nicht so schnell.

Aber die Homosexualität einer weiteren Figur wird ganz anders behandelt. Hier gibt es nur Ablehnung, Verwirrung, wochenlanges Schweigen, gedankliche Kämpfe gegen die verinnerlichte Abscheu, alles aus der Sicht eines Elternteils, das erstmals von der Homosexualität dieser Figur erfährt. Nach dem Motto “warum tut er mir das an” oder “was habe ich in der Erziehung falsch gemacht”. Bis zum Ende gibt es keine vollkommene Akzeptanz. Es ist einfach grauenhaft. Und das sage ich als nicht betroffene Person. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was diese Beschreibungen in Menschen lostreten können, die selbst mit solcher Ablehnung leben müssen! Auch hierfür fehlt eine Triggerwarnung.

Fazit

Wir für uns ist vor allem dank des flüssigen Schreibstils gut zu lesen und erscheint mir (leider) sehr realistisch. Aber die verletzende und vor allem abwertende Wortwahl stört mich zu sehr, um das Buch und die schöne Grundidee genießen zu können. Da hätte das Lektorat stärker eingreifen oder zumindest eine Triggerwarnung platzieren müssen.

Vielen Dank an den Verlag und NetGalley für das Rezensionsexemplar.

PS: Triggerwarnung

Das Thema Triggerwarnung ist seit Jahren im Gespräch, in der Buchbranche, in den Sozialen Medien, gefühlt überall. Auch ist halbwegs bekannt, welche Themen sensibel genug sind, dass ein entsprechender Hinweis hilfreich wäre. Und wenn man unsicher ist, dann braucht man nur 2 Minuten mit Google und vielleicht 4 Minuten mit Ecosia, um Auflistungen von Themen oder gar ganze Anleitungen zu finden. Ich habe das in den letzten Monaten für meine Rezensionen ausführlich getestet. Es ist wirklich nicht schwer.

Dass große Verlage (in diesem Fall der Fischer Verlag) das aber nicht tun, finde ich schlimm. Ich weiß nicht, ob man es einfach nicht besser wusste, ob man nicht daran gedacht hat, dass man Menschen mit diesem Buch verletzen kann. Oder ob bewusst die Entscheidung getroffen wurde, nicht zu warnen. Das Ergebnis ist jedenfalls nicht in Ordnung. Ich glaube, ich schreibe demnächst mal eine Kolumne zu dem Thema. Denn allein in den letzten Monaten habe ich mehrfach Bücher gelesen, für die ich mir eine Triggerwarnung gewünscht hätte, die aber keine hatten.


Bibliografische Daten

Titel: Wir für uns
Autor*in: Barbara Künrath
Verlag: FISCHER Krüger
Genre/Zielgruppe/Themen: Gegenwartsliteratur, Identität, Familie, Liebe

Preis: 4,99 € (kaufen auf genialokal.de)
ISBN: 978-3-10-491295-0
Format: eBook
Umfang: 400 Seiten
Erschienen: 01.07.2021

Weitere Meinungen zu Wir für uns:

“Anfangs wirkte der Roman noch relativ vielversprechend, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die Autorin eigentlich gar nicht weiß, wohin sie will und was sie dem Leser sagen möchte.”

anna625 via vorablesen.de

2 Kommentare

  1. Barbara Kunrath

    Liebe Henrike, liebe Rezensentin,
    mein Name ist Barbara Kunrath und ich bin – wie Sie wissen – die Autorin von “Wir für uns.”
    Eine Freundin hat mich auf Ihre Rezension zu meinem Buch bei Vorablesen.de aufmerksam gemacht und ich möchte mich zunächst für Ihre sehr reflektierten und genauen Ausführungen bedanken. Dennoch bin ich überrascht, wie sehr ich – tatsächlich nur von Ihnen – dabei missverstanden und fehlinterpretiert wurde.
    Bitte erlauben Sie mir eine kurze Stellungnahme:
    1. “Wir für uns” ist kein Sachbuch, sondern ein Roman. Mit fiktiven Menschen und fiktiven Gedanken und Handlungen.
    2. Ich habe mich bemüht, nah an der Realität zu schreiben, d. h. so wie ich selbst es erlebe und schon häufig erlebt habe.
    3. Die Protagonisten machen genau bei den von Ihnen aufgegriffenen Themen eine postive Entwicklung durch (Berührungsängste werden abgebaut.).
    4. Meine eigene Erfahrung zeigt mir immer wieder, dass gerade diese verkrampfte Übervorsichtigkeit , sei es im Umgang oder in Beschreibungen, Menschen ausgrenzt und auch verunsichert.
    Erst wenn wir damit aufhören, aus all diesen zum Leben gehörenden Selbstverständlichkeiten ein THEMA aus zu machen, hört es vielleicht irgendwann auch auf, eines zu sein. DAS war jedenfalls mein Anliegen. Und so wird es von den meisten Leser*innen zum Glück auch verstanden.
    Herzliche Grüße
    Barbara Kunrath

    • Liebe Barbara Kunrath,

      ich freue mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, auf meine Rezension zu antworten. Ich habe jetzt einige Tage darüber nachgedacht, wie ich am besten auf Ihren Kommentar antworte. Da ich hier in den Kommentaren keine lange Diskussion anstoßen möchte, fasse ich nur kurz den Kern meiner Rezension zusammen.

      Wie Sie in meiner Rezension sicher erkannt haben, gefällt mir die Realitätsnähe im Allgemeinen. Dennoch stolpere selbst ich als nicht betroffene Person über die genannten verletzenden und abwertenden Formulierungen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, welche Wirkung diese auf Betroffene haben können. Deshalb wünsche ich mir an mehreren Stellen meiner Rezension eine Triggerwarnung für das Buch. Dadurch muss Ihr Text an sich nicht verändert werden und Sie können mit der verletzenden Sprache alle Charakterentwicklungen darstellen, wie Sie es möchten. Durch die Triggerwarnung können betroffene Personen aber vor dem Lesen erkennen, ob sie sich mit “Wir für uns” einem Verletzungsrisiko aussetzen.
      Da Sie bewusst mit dieser Sprache arbeiten, wie Sie es im Kommentar verdeutlichen, ist Ihnen die Problematik dieser auch bekannt. Davor zu warnen finde ich wirklich nicht zu viel verlangt.

      Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass die deutsche Sprache es durch ihre Vielfältigkeit durchaus erlaubt, auf verletzende Sprache zu verzichten, ohne den Sinn eines Satzes zu entstellen. Als Beispiel: statt “farbig” und “Asylanten” hätten Sie “Schwarz” und “Immigranten” schreiben und damit im Kontext immer noch eine Ablehnung darstellen können.

      Viele Grüße
      Henrike

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